Technische Hochschule
Würzburg-Schweinfurt

Interview mit
Florian Schuster

„Wir zeigen, wie Zukunft sich anfühlt, bevor sie gebaut ist.“ Florian Schuster Ingenieur im MAVEL-Labor, Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen

Herr Schuster, Sie arbeiten im MAVEL-Labor der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen. Was verbirgt sich dahinter?

MAVEL-Lab steht für Mixed Augmented Virtual Experience Learning Lab. Das Besondere hier ist unsere 130 qm-CAVE-Anlage – ein begehbares Virtual-Reality-System. Mit einer einfachen 3D-Brille taucht man in die virtuelle Welt ein. 2021 haben wir mit dem Aufbau begonnen und entwickeln es seitdem ständig weiter.

Wofür wird diese Technik genutzt?

Wir erforschen, wie Virtual Reality in der Industrie eingesetzt werden kann. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Architekten können zum Beispiel ihre Planungen im Maßstab 1:1 visualisieren – also ihr Gebäude begehen, bevor es gebaut ist. Für Besprechungen mit Bauherren ist das enorm hilfreich. Industriekunden nutzen die Anlage bisher vor allem, um ihre Produkte zu präsentieren oder auch für Schulungen; so können Mitarbeitende zum Beispiel an Maschinen trainieren, ohne den laufenden Betrieb zu stören.

Was macht Ihr Labor so besonders?

Unsere Anlage ist in Europa einzigartig. Man steht in einer Cave mit Hohlkehle und wird rundum von 3D-Bildern umgeben, die auf die Wände und den Boden projiziert werden.

Ringsherum finden sich außerdem 240 Lautsprecher. Der Ton wird also so wahrgenommen, als käme er aus der Richtung, in der er in Realität entstehen würde. Wenn ein Auto virtuell vor einem fährt, hört man es auch genau dort.

Das klingt beeindruckend. Wie realistisch sind solche Simulationen heute schon?

Wir versuchen, nach und nach alle menschlichen Sinne anzusprechen: Sehen, Hören – und als nächstes die Haptik. Wenn man gegen etwas stößt, soll man das künftig auch spüren. Das funktioniert durch Elektro-Muskel-Stimulation.


Sogar Geruchssimulationen sind möglich. Eine virtuelle Fabrikhalle könnte dann wirklich nach Fabrik riechen. Das funktioniert heute schon; aber jeder Sinn braucht eine betreuende Person. Da stoßen wir im Moment noch an unsere Grenzen.

Welche Technik braucht man als Nutzer, um das zu erleben?

Keine schweren VR-Headsets. Wir nutzen 3D-Brillen. Wichtig ist, dass man die Mimik und Gestik der anderen noch erkennt – das macht die Interaktion viel natürlicher.

Was lässt sich mit dieser Technik noch alles anstellen?

Unglaublich viel. Wir können etwa eine Stadt der Zukunft virtuell begehbar machen und schon vor dem Bau sehen, was funktioniert und was nicht.

Oder wir visualisieren Tatorte in 3D, um Kriminalbeamte bei ihrer Arbeit zu unterstützen.


Für die Sozialwissenschaftliche Fakultät ist geplant, Teile eines Flüchtlingscamps virtuell darzustellen, damit Studierende die Situation dort besser nachvollziehen können.

Ein anderes Beispiel war ein Industriekunde, der eine alte Fabrikhalle aus dem 19. Jahrhundert neu nutzen wollte. Wir haben die Halle gescannt, Maschinen virtuell platziert und den Materialfluss optimiert.

Was für Fachleute arbeiten im MAVEL-Labor?

Wir brauchen viele verschiedene Kompetenzen: Programmiererinnen, UX-Designer, Sounddesignerinnen, Audioingenieure – kreative Menschen mit technischen Fähigkeiten. 

Woher kommt das Know-how für ein solch spezielles Labor?

Einen Lehrplan dafür gibt es nicht. Vieles haben wir uns im Selbststudium erarbeitet. Es gibt auch keine fertigen Systeme. Wir konzipieren alles selbst und setzen es aus Komponenten zusammen, die wir auf dem Markt finden.

Können Studierende bei Ihnen Abschlussarbeiten schreiben oder mitarbeiten?

Ja, unbedingt! Wir versuchen, alles möglich zu machen. Momentan haben wir Doktoranden aus anderen Fakultäten, die an virtuellen Menschmodellen arbeiten – verknüpft mit KI, sodass man mit ihnen sprechen kann.

Wie würden Sie die Arbeitsatmosphäre im Labor beschreiben?

Für mich fühlt sich das hier nicht wie Arbeit an. Wir haben ein kleines Team, das eng und vertrauensvoll zusammenarbeitet – Professoren und Ingenieure. Das hat für mich einen sehr hohen Wert. 
Wer Homeoffice braucht, zum Beispiel um seine Kinder zu betreuen, kann das jederzeit tun. Da gibt’s keine Diskussion, das ist selbstverständlich.

Und was bringt die Zukunft?

Die Möglichkeiten sind unendlich: Medizinische Anwendungen, psychologische Forschung, Phobietherapie - wir könnten etwa ein realistisches Höhenangst-Szenario darstellen.

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