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1. Würzburger Cross-Cutting Summit: Digitale Souveränität als strategischer Kompass für eine sichere Zukunft

Externe Referenten und rund 50 Gäste aus Behörden, Unternehmen und Universitäten im intensiven Austausch mit der THWS-Fakultät Informatik und Wirtschaftsinformatik über alle Aspekte der Informationstechnologie

Digitale Souveränität: Mehr als ein Schlagwort in einer Welt, in der Daten die neue Währung sind. An der Fakultät Informatik und Wirtschaftsinformatik (FIW) der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) hat unter diesem Motto das 1. Würzburger Cross-Cutting Summit am Campus Sanderheinrichsleitenweg stattgefunden. Rund 120 Teilnehmende von innerhalb und außerhalb der Hochschule beleuchteten mit den Referenten das Thema Digitale Souveränität aus technischer, politischer, staatlicher, volkswirtschaftlicher und unternehmerischer Seite.

Den Organisatoren Prof. Dr. Michael Müßig, der die Gebiete Innovationsmanagement und Unternehmensgründung an der FIW verantwortet und Prof. Dr. Tobias Fertig, der unter anderem als Studiengangberater für das Lehrgebiet Informationssicherheit zuständig ist, war es wichtig, mit dieser Veranstaltung Hochschulen, Unternehmen, Behörden sowie Studierende und alle Interessierten einzubeziehen. Gemeinsam mit Dr. Andreas Schütz, ehemaliger Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FIW, gaben sie den Veranstaltungsauftakt.

Prof. Dr. Müßig begrüßte die Teilnehmenden und hob die Wichtigkeit des Themas „Digitale Souveränität“ hervor. Daneben dankte er dem Alumni-Netzwerk „iwinet“ der FIW für die Unterstützung der Veranstaltung. Das Event gliederte sich in die drei Bereiche Deep Dive, Technologie sowie Politik und Auswirkungen. Kernbotschaft war, in Dialog zu treten und „Full Stack“, das heißt, auf allen Ebenen, zu agieren und IT-Themen querbeet in die Diskussion einzubeziehen. Es ging um Cloud, Daten, Anwendungen und Oberflächen bis hin zu digitalen Zahlungssystemen.

Deep Dive: Experten diskutieren über Chancen und Herausforderungen

Die Keynote hielt Joshua Roach, Head of Sovereign Communication von Schwarz Digits, zum Thema „Digitale Souveränität aus Deutschland für Europa“. Der Experte für Cybersicherheit und Digitalisierung stellte dem Publikum die Frage, warum es digitale Souveränität brauche und erläuterte, dass über 80 Prozent der in Deutschland genutzten Technologien aus dem nichteuropäischen Ausland kämen. Dies sei alles andere als souverän. „Bevor sie EU-Gesetze einhalten, nehmen große Technologiekonzerne lieber Strafen in Kauf“, fand er. Die Herausforderung bestehe darin, internationale Organisationen wie Microsoft umzustellen. Sein Arbeitgeber, die Schwarz Gruppe, eine international führende Handelsgruppe mit rund 14.200 Filialen und rund 595.000 Mitarbeitenden (unter anderem Lidl und Kaufland), definiere digitale Souveränität bildlich gesprochen als Möglichkeit, vom Verhandlungstisch aufstehen zu können, etwa bei der Preispolitik eines großen Getränkekonzerns. „Wenn als Alternative neben dem teuren Original ein Erfrischungsgetränk als Eigenmarke eines Discounters angeboten wird, hat die Kundschaft noch immer ,Freedom of Choiceʼ – also die Wahl.“ Genauso sei es bei digitalen Systemen – dabei brauche es entsprechende finanzielle Mittel, um von Technologiegiganten wie Microsoft loszukommen – und eben vom Verhandlungstisch aufstehen zu können. Ebenso hob Joshua Roach die strukturellen Hürden von Deutschlands Behörden hervor. „Die langen Prozesswege, etwa, um amtliche Dokumente zu erhalten, sind in Deutschland vergleichsweise sehr lange.“ Umso wichtiger sei digitale Souveränität in Bezug auf kritischen Daten, wie Kundendaten, Patente aus den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktion, Personalmanagement und Finanzdaten.

Die Macht der Infrastruktur

Prof. Dr. rer. nat. Harald Wehnes, Institut für Informatik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), schaltete sich über Zoom zu „Digitale Souveränität oder digitale Kolonie: Die Zukunft liegt in unserer Hand“ hinzu. Er begann mit der Frage „Glauben Sie, Ihre Daten sind sicher, wenn sie in einem Rechenzentrum von Microsoft, Google, Amazon gespeichert werden, das in Frankfurt steht?“ Der Sprecher des Arbeitskreises „Digitale Souveränität“ der Gesellschaft für Informatik e. V. gab ein klares „Nein“ als Antwort. Dies bewies er etwa am Beispiel einer Bank aus Amsterdam, die nicht mehr auf ihre Daten zugreifen habe können und insolvent wurde. Das zweite Exempel könne am Internationalen Strafgerichtshof ausgemacht werden, als Microsoft den Zugang für verschiedene Richterinnen und Richter gesperrt habe. „Dies geht einfach, da die Vereinigten Staaten von Amerika sich auf Selbstverwaltung berufen und sich dort bedienen, wo sie es brauchen“. Irrelevant dabei sei, wo das jeweilige Rechenzentrum stehe. Dies begründete Prof. Dr. Wehnes mit Sanktionen, die erhoben werden könnten. „Microsoft und andere Technologiegiganten könnten ,den Stecker ziehenʼ, wenn es Machthaber möchten. Wer die Infrastruktur kontrolliert, hat sämtliche Macht.“ Dass die Daten dabei in Europa sicher seien, wäre eine Illusion, die „Big Tech“ als Tatsache verkaufe.

Das Dienstleistungsbilanz-Defizit der EU gegenüber den USA betrug 2024 rund 148 Milliarden Euro, was pro EU-Bürger 329 Euro ausmacht. Prof. Dr. Wehnes prognostizierte, dass das Defizit bis 2029 den Bundeshaushalt übersteigen könnte, und betonte, dass dieses Geld besser für Projekte wie den Bau von 740.000 Sozialwohnungen genutzt werden könnte. „Unser Sondervermögen ist gedacht für Infrastruktur, Bildung, Zukunft – aber es versickert in den Vereinigen Staaten von Amerika. Wir finanzieren eine digitale Kolonialisierung mit unseren Steuergeldern“, so seine Kritik. Das Paradoxon liege darin, dass souveräne Alternativen Schulen und Hochschulen Millionen Euro kosten würden. Die Bayerische Staatskanzlei habe ihre Ausgaben für Microsoft Services erheblich erhöht, was als Beispiel für die „digitale Kolonialisierung“ durch die USA diene. Die gute Nachricht: Es gebe einen Weg aus dieser digitalen Kolonie. Die Lösung sieht er in der Reduzierung der Abhängigkeit durch alternative Technologien wie openDesk, Linus oder Nextcloud und stärkere Investitionen in Bildung. Diese Alternativen würden zwar Kosten verursachen, aber durch politische Weichenstellungen, wie die Bereitstellung von openDesk, könnten sie gefördert werden. Diverse Institutionen machen es vor: openDesk, eine Einrichtung des deutschen Bundes, komme zum Beispiel am Internationalen Gerichtshof oder der Deutschen Bundeswehr zum Einsatz. Die Quintessenz seines Vortrags lautete: „Wenn es dort möglich ist, ist es überall möglich. Es fehlt nicht an Alternativen – es fehlt am politischen Willen.“

Europa besser vernetzen

Boris Lingl, Head of Technology Innovation Research der DATEV eG, referierte über „Europas digitale Souveränität: Identität, Vertrauen, Dezentralität“. In Bezug auf den schnellen digitalen Wandel präsentierte er Anwendungsfälle: „Der Austausch digital strukturierter Daten wird zum Wettbewerbsvorteil in einer immer stärker vernetzten Welt“, zum Beispiel von E-Rechnungen und E-Rezepten über digitale Zahlungssysteme bis hin zum digitalen Produktpass. Prozesse wie diese müssten durch eine sogenannte ID digitalisiert werden – durch ein elektronisches Profil also, das Informationen enthält, um den Zugriff zu kontrollieren, sich sicher und eindeutig zu identifizieren und Betrug zu vermeiden. „ID sind der Treibstoff von Prozessen und den Geschäftsvorfällen von morgen“, verdeutlichte Boris Lingl. Diese Technologie sei entscheidend für die sichere und effiziente Interaktion im digitalen Raum. An das Publikum gewandt, stellte er die Frage, welche Möglichkeiten es gebe, die Verwendung personenbezogener Daten zu widerrufen. Wenn zum Beispiel ein Handy verlorengehe und das Passwort geknackt würde, könnten Daten verloren gehen oder Kreditkarteninformationen gelesen werden. Doch gebe es europaweite ID-Sperrungen, um solchen Fällen vorzubeugen.

Prof. Dr. Müßig moderierte die anschließende Podiumsdiskussion zwischen Joshua Roach, Boris Lingl und Dr. Andreas Schütz. Es entwickelte sich ein reger Austausch mit den Teilnehmenden, zum Beispiel über die Nutzung und Sicherheit von OpenSource im Vergleich zu Microsoft. Im Hinblick auf große, bestehende Datenmodelle sei es laut Dr. Schütz wichtig, diesen nicht hinterherzurennen, sondern lieber in Dienste und Modelle Vertrauen zu schaffen. Dies gelinge, indem der Fokus auf Benutzende gesetzt würde.

Technologische Unabhängigkeit sowie Politik und Auswirkungen

Im Anschluss sprach Eric Fischer, Sales Engineer und Technical Project Manager, über „Nextcloud: OpenSource als Plattform – weg von Big Tech durch Integration“. Den zweiten Teil über Technologie in der IT lieferte Jonas Schönberger, Head of Communication der Brandguardian GmbH, mit seinem Vortag „State of Sovereignty“. Wie IT mit Politik zusammenhängt, erfuhren die Teilnehmenden von Dr. Florian Dold, der als Chief Technical Officer der Taler Systems SA in Luxemburg tätig ist. Er sprach darüber, wie freie Infrastruktur für digitales Bargeld mit dem Bezahlsystem GNU-Taler aussehen und digitales Bezahlen mit Privatsphäre bzw. Souveränität neu gedacht werden kann. GNU-Taler ermöglicht laut Unternehmensinformation schnelles und einfaches Geldüberweisen mit Datenschutz und hoher Sicherheit.

Abschließend stellte Ben Burmeister, Projektmanager Policy der Open Knowledge Foundation Deutschland e. V., die Frage: „Mit dem Deutschland-Stack zur offenen digitalen Infrastruktur?“ Der Deutschland-Stack des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr ist ein Ansatz zur Verbesserung der Verwaltungsdigitalisierung, der jedoch noch eine klare Definition und Strategie benötigt. Er soll die Grundlagen für eine effektive digitale Verwaltung schaffen, indem Abhängigkeiten in der IT-Landschaft der Verwaltung identifiziert und langfristig gesichert werden. Das Datenmanagement jedoch bleibe ein weiterhin vernachlässigter Aspekt, für den klare Strategien und Maßnahmen nötig seien. Auch hier soll der Fokus auf Technologien zur Förderung von Demokratie und Gesellschaft liegen. Hierbei sei es wichtig, die Zivilgesellschaft einzubeziehen, weil daran sichtbar sei, welche Hürden noch in der digitalen Verwaltung bestünden. „Von diesem Wissen kann der Stack nur profitieren“, so Ben Burmeister.

Warum digitale Souveränität?

Digitale Souveränität beschreibt die essenzielle Fähigkeit, im digitalen Raum selbstbestimmt und widerstandsfähig zu agieren. Politisch sichert sie die Handlungsfähigkeit des Staates, eigene Werte und Gesetze wie den Datenschutz durchzusetzen. Volkswirtschaftlich wird sie zum Motor für Innovation, indem sie die Wertschöpfung im eigenen Land hält und die Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Für Unternehmen bedeutet dies die entscheidende Kontrolle über eigene Daten und Prozesse, was die Grundlage für Resilienz und Agilität im globalen Wettbewerb bildet. Technisch erfordert dies die Hoheit über kritische IT-Infrastrukturen – von der Cloud bis zum Netzwerk –, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Kontrolle zu behalten.

 

Zur Veranstaltung „Transforming Media Day“ am 7. Juli im Vogel Convention Center

Zu den Studiengängen der Fakultät Informatik und Wirtschaftsinformatik

 

Über die THWS

Die Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) zählt zu den größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern und steht seit ihrer Gründung im Jahr 1971 für hervorragende Lehre und angewandte Forschung. Mit rund 9.200 Studierenden, einem breit gefächerten Angebot von mehr als 60 Studiengängen sowie zwei Promotionszentren deckt die THWS ein weites Spektrum ab, das von Technik über Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Sprache bis hin zu Gestaltung reicht. Derzeit studieren an der THWS rund 500 Studierende in 23 Studiengängen in einem dualen Modell. Die THWS ist nicht nur regional in Franken und Bayern verwurzelt, sondern auch stark international ausgerichtet, was sich in zahlreichen Kooperationen und Austauschprogrammen weltweit und nicht zuletzt in einem vielseitigen englischsprachigen Studienangebot widerspiegelt.

 

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