Expedition in 4.000 Meter Tiefe: THWS-Studierende holen die Tiefsee in den virtuellen Raum nach Würzburg und Schweinfurt
Gebündelte Kräfte: Forschende der Meere und die Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) lassen einen immersiven Tauchgang zu diesem geheimnisvollen Ökosystem der Erde entstehen. Dies geschah mit Daten des Alfred-Wegener-Instituts und moderner 3D-Technologie im Rahmen einer Fachexkursion nach Bremerhaven unter Leitung von Dozent Stefan Sauer, Fakultät Kunststofftechnik und Vermessung.
Auf Tuchfühlung mit der Polarforschung
Ewige Finsternis, eisige Kälte und ein Druck, der jeden ungeschützten Körper in Sekundenbruchteilen zermalmen würde: Die Tiefsee zählt zu den extremsten und am wenigsten erforschten Lebensräumen unseres Planeten. Doch wie lässt sich die Zerbrechlichkeit dieses verborgenen Ökosystems vermitteln, wenn kaum ein Mensch je dorthin reisen kann? Für zehn THWS-Studierende der Geovisualisierung führte der Weg zur Antwort zunächst an die Nordseeküste. Gemeinsam mit fünf Studierenden der Informatik und des Studiengangs Digitale Gesellschaft reisten sie zur Fachexkursion nach Bremerhaven und Bremen. Ihr Ziel: Tiefseeforschung nicht nur aus Lehrbüchern zu lernen, sondern direkt am Meer zu erleben.
Am Alfred-Wegener-Institut (AWI), dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, öffnete Expeditionsleiter Dr. Frank Wenzhöfer die Tore. Der erfahrene Meeresforscher, der unter anderem Missionen auf dem Forschungsschiff Polarstern leitet, gewährte den unterfränkischen Gästen exklusive Einblicke in autonome Unterwasserfahrzeuge (AUVs), Tiefsee-Messsysteme und authentische Messdaten aus mehreren Kilometern Wassertiefe.
Ergänzt wurde der fachliche Input durch einen Besuch am MARUM (Zentrum für Marine Umweltwissenschaften) der Universität Bremen. Zwischen gigantischen Bohrkernlagern und modernen Tiefseerobotern wie dem Tauchroboter QUEST diskutierte das Team mit Prof. Dr. Dierk Hebbeln über die Entstehung sensitiver Kaltwasserkorallenriffe und die aufwendige Probennahme am Meeresboden. Auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum sowie das renommierte Klimahaus Bremerhaven standen auf der Route. Dort präsentierte die THWS ihr Konzept vor der Geschäfts- und Ausstellungsleitung, was auf große Resonanz stieß.
Daten greifbar machen: Vom Röntgenring in die Tiefsee-Schluchten
„Geovisualisierung bedeutet, komplexe Daten und Phänomene so aufzubereiten, dass sie für Menschen unmittelbar verständlich und emotional erfahrbar werden“, erklärt Stefan Sauer, der als Dozent am THWS-Campus Röntgenring das Projekt leitet. Er weiß, wie man digitale Welten zum Leben erweckt: Seine Schwerpunkte – Virtual Reality (VR), Augmentet Reality (AR), Game-Engines wie Unity und Unreal, 3D-Modellierung und Programmierung – verknüpft er mit einem konsequenten Praxisbezug in seine Lehre. „Ob Stadtplanungen für Wüzburg, Visualisierungen für das Jüdische Museum Fürth oder Kooperationen mit Großforschungseinrichtungen wie den Forschungsinstituten DLR und AWI in Bremen – ich setze auf echte Herausforderungen mit gesellschaftlicher Relevanz“, erklärt Stefan Sauer.
Bereits im vergangenen Wintersemester hatte ein Vorläuferprojekt für Aufsehen gesorgt: Damals tauchten Nutzer mit einzelnen VR-Headsets zu leuchtenden Tiefsee-Organismen und hydrothermalen Quellen ab. In diesem Semester wird das Projekt unter dem Titel „Tiefsee – Auf der Suche nach den Schwarzen Rauchern“ grundlegend skaliert.
CAVE in Schweinfurt wird zum U-Boot
Dieses Mal bleibt es nicht bei einer Brille auf dem Kopf: Die Anwendung wandert direkt in das MAVEL-Lab der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen am THWS-Campus in Schweinfurt. Herzstück ist eine sogenannte CAVE (Cave Automatic Virtual Environment) – ein raumgroßer, mehrseitiger 3D-Projektionsraum. Unterstützt vom Laborleiter Prof. Dr. Uwe Sponholz, Florian Schuster, Dominik Fritsch und Chris Haselhoff entsteht ein begehbares Tauchboot direkt in der Cave.
Das Erlebnis soll dabei so realistisch sein, dass in den Nutzenden die Liebe zu einer unbekannten, zauberhaften und nicht zuletzt schützenswerten Welt entsteht.
Digitales Mahnmal gegen den Tiefsee-Bergbau
Hinter dem Projekt steht eine ernste Botschaft. Die faszinierenden hydrothermalen Quellen – die sogenannten „Schwarzen Raucher“, an denen mineralreiches, bis zu 400 Grad heißes Wasser austritt – und die riesengroßen Felder dunkler Manganknollen gelten nicht nur als Wiege des Lebens, sondern sind reich an wertvollen Erzen und Seltenen Erden. Internationale Konzerne blicken zunehmend auf diese Vorkommen am Meeresgrund. Ein industrieller Tiefsee-Bergbau droht jedoch, die einzigartigen Lebensräume unwiederbringlich zu zerstören. Die Visualisierung macht diese kaum sichtbare Gefahr spürbar: Wer miterlebt, wie gewaltige Abbauwerkzeuge kilometerlange Sedimentwolken aufwirbeln, versteht sofort, wie verletzlich das marine Gleichgewicht ist.
Bis zur Semesterabschlusspräsentation im Januar 2027 feilt das interdisziplinäre Team nun an 3D-Modellen, Materialien, Partikeleffekten, Sensoriken und Soundkulissen – sogar ein physisches Modell eines U-Boots soll gebaut werden. Zur großen Abschlusspräsentation werden dann auch die Partner aus Bremerhaven und Bremen an der THWS erwartet – um selbst einzusteigen in ein U-Boot, das Wissenschaft und Emotion auf faszinierende Weise verschmilzt.
Über den Studiengang Geovisualisierung
Über die THWS
Die Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) zählt zu den größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern und steht seit ihrer Gründung im Jahr 1971 für hervorragende Lehre und angewandte Forschung. Mit rund 9.200 Studierenden, einem breit gefächerten Angebot von mehr als 60 Studiengängen sowie zwei Promotionszentren deckt die THWS ein weites Spektrum ab, das von Technik über Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Sprache bis hin zu Gestaltung reicht. Die THWS ist nicht nur regional in Franken und Bayern verwurzelt, sondern auch stark international ausgerichtet, was sich in zahlreichen Kooperationen und Austauschprogrammen weltweit und nicht zuletzt in einem vielseitigen englischsprachigen Studienangebot widerspiegelt.
Kontakt:
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Studienbereich Geovisualisierung
Stefan Sauer
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